„Die Große hat heute Flötenunterricht um 3, der Kleine isst seit gestern Karottenbrei.“ Aha.

Jene Generation, die in den 2010er Jahren zu Welt kommt, ist die erste, die komplett in der Welt des Datenkapitalismus groß wird. Von jedem Kind werden so viele Informationen festgehalten wie nie zuvor. Alexa steht in den Kinderzimmern und via WhatsApp werden an alle Verwandten Fotos und Videos von jedem Meilenstein verschickt. Doch was, wenn die Eltern freiwillig alle Infos und für jeden Zugreifbar veröffentlichen? Und damit auch noch richtig viel Geld verdienen? Was wird später aus Kindern von Influencern?

Jedes heranwachsende Kind kommt früher oder später in ein Alter, in dem alles, aber wirklich alles peinlich ist, was nicht aus dem eigenen, gezielten Willen heraus entsteht. Ich kann mich noch gut an eine Zeit erinnern, als ich es absolut schrecklich fand, gemeinsam mit meiner Familie Videoaufzeichnungen aus den ersten Jahren meines Lebens anzusehen. Dabei spielte es eigentlich keine Rolle, ob ich singend in der Badewanne saß oder trotzig mit dem Gesicht voran im Schnee gelegen bin. Kinder sind, logischer- und glücklicherweise, noch nicht in feste Verhaltensnormen unserer Gesellschaft gewöhnt und verhalten sich demnach, nun ja, wie Kinder eben.

Die Vorstellung, dass mehrere hunderttausend Menschen diese Aufnahmen aus dem Alltag meiner vierköpfigen Familie regelmäßig ansehen, aktiv mitverfolgen und ihre Meinung dazu abgeben erscheint mir als vollkommen absurd. Ich kann es mir ehrlichgesagt nicht einmal vorstellen.

Wenn Mama Influencerin ist

Aber genau das ist momentan ein richtiger Trend auf YouTube und Instagram, Mami und Papi Blogger, Vlogger und weiß der Geier was noch schießen wie Unkraut aus dem Boden. Und haben auch noch richtig Erfolg damit.

Das gesamte, immer üppiger werdende Familienleben kann mit Postings in Form von Fotos und Videos finanziert werden, solange es genug Personen ansehen. Aber wer verfolgt denn so etwas aktiv? Auf den ersten Blick wirken diese Videos komplett belanglos: „Die Große hat heute Flötenunterricht um 3, der Kleine isst seit gestern Karottenbrei.“ Aha.

Anscheinend muss man tiefer in das komplett eigene Universum von Familienbloggern hineintauchen, um den Reiz dahinter zu verstehen.

Das eigene Leben zur Serie machen

Im Prinzip interessieren sich Menschen ja auch für Sitcoms und Serien verschiedenster Familien. „Malcolm Mittendrin“ ist wohl jedem, der in seiner Jugend Pro7 geschaut hat ein Begriff und „Modern Family“

wurde bereits mehrmals mit der Auszeichnung „beste Comedy Serie“ verliehen. Hier verfolgt der Zuschauer im Prinzip auch bloß das Leben einer Familie. Der einzige Unterschied hierbei ist, dass Serien wie diese mit einem Skript versehen sind. Die SchauspielerInnen haben mit den Charakteren nichts zu tun und die Umgebung ist genau durchdacht von BühnenbildnerInnen. Außerdem muss jede Folge eine Pointe enthalten. Einen durchdachten Plot. Damit das Interesse des Zusehers erhalten bleibt. Das normale Leben ist aber nun einmal nicht immer von Dramen und fesselnden Handlungen geprägt -Aaaaber manchmal ist es das bei Familienbloggern doch! Zumindest wird aus allem ein Highlight gemacht. Sehen wir uns also mal so einen Mamakanal auf YouTube an.

So intim wie möglich

Die zweit erfolgreichste Influencerin im Familienbereich ist Isabeau.Sie hat fast 600 000 Abonnenten. Das Video mit dem Titel „Unser drittes Wunder ist da | Spontane Geburt“ hat 1,6Mio Aufrufe. Zum Vergleich: München, die drittgrößte Stadt Deutschlands, hat „nur“ 1,4Mio Einwohner.

Zum Glück sieht man in dem Video nicht direkt die Geburt. Dennoch ist alles drumherum festgehalten. Isabeau leidet den ganzen Tag an Wehen und berichtet von jeder kleinsten Veränderung, die sich im Laufe dieses Tages tut. Sie liegt am Sofa und schaut komplett fertig aus (was ja verständlich ist in diesem Stadium einer Schwangerschaft). Sie kreist stöhnend die Hüfte während im Hintergrund auf einem riesigen Flatscreen eine Kinderserie läuft. Sie legt sich zur Entspannung in die Badewanne. Wieder Hüfte kreisen. Es ist dunkel, sie sind im Krankenhaus. Mehr Hüfte Kreisen, mehr Stöhnen. Eine PDA. Juhu, das Baby ist da.

Ich bin ja generell dafür, dass Situationen enttabuisiert werden. Unsere Gesellschaft ist so festgefahren auf Gewisse Dinge, alles Intime findet hinter geschlossenen Türen statt. Da finde ich es nicht schlecht, wenn auch mal von platzenden Fruchtblasen erzählt wird. Eine Geburt ist nun mal schmerzhaft, da darf es ruhig normal sein, dass gestöhnt wird. Und es ist natürlich auch total schön, wenn ein Kind das Licht der Welt erblickt. Und ich finde es auch großartig, wenn sich Personen, die mit Dingen wie diesen nie in Berührung kommen sich damit auseinandersetzen. Aber, muss hierfür die eigene Geburt herhalten? Ich finde es auch spannend meine Babyfotos und Videos anzusehen, Geschichten meiner Eltern zu hören. Aber würde ich wollen, dass zigtausende Menschen diese Situation kommentieren? Nein. Definitiv nein.

Wenn das gesamte Leben erneut angeschaut werden kann

Es muss doch komplett crazy sein, die eigene Kindheit einmal komplett rekonstruieren zu können.

Die ältesten Videos von Isabeau sind  5 Jahre alt. Zu diesem Zeitpunkt war ihre älteste Tochter Leona 1,5 Jahre alt.  Seitdem wurde so gut wie jede Woche mindestens ein Video hochgeladen. Leona wird genau wissen wann sie im Zoo waren, wann ihr erster, zweiter, dritter Zahn ausgefallen ist, wie ihr erster, zweiter Umzug abgelaufen ist. Was ihre Lieblingsspielzeuge zu welcher Zeit waren, welche Sorte Fruchtzwerge sie nicht mochte. Wann und warum sie mit ihren jüngeren Schwestern gestritten hat. Und und und.

Und mit ihr gemeinsam können dies hunderttausende Menschen. Bzw., das sind bloß die, die es auch wirklich tun. Können tut es jeder. Ihre erste Liebe wird es können. Die doofen Mädchen aus der Parallelklasse werden es können. Ihr empathieloser Mathematiklehrer wird es können. Ihre erste Chefin wird es können.

Auch wenn die Gesichter der Kinder zensiert sind, man kann sie ja trotzdem in jeder Lebenslage beobachten. Und die Entscheidung hierfür liegen nicht einmal in ihrer Hand.

Zu welchem Preis das Ganze?

Kohle. Die Aufzeichnungen dienen überhaupt nicht rein zu Tagebuchähnlichen Zwecken, sondern hauptsächlich, um Geld zu verdienen. Am deutlichsten ist dies auf Instagram zu sehen, ich bin aber überzeugt, dass es in den Videos nicht anders aussieht.

Pi mal Daumen ist jeder zweite Post ist mit #Werbung gekennzeichnet. Fruchtzwerge, Wundschutzcreme, ein Supermarkt, ein Personaltrainer, ein Kinderwagen, ein anderer Kinderwagen, Armbanduhren, Gewürze, Wellnessurlaub, Bauklötze, Umzugsunternehmen, Kinderbetten, Lego, ein Staubsaug/wisch/allinone Dingens, Proteinsmoothies, noch ein Wellnessurlaub. Gefühlt wird alles, was man benötigt, um ein rundum entspanntes Familienleben zu führen gesponsort. Da versteht man den Reiz hinter dem Ganzen schon ein wenig.

In den Instagramstories sieht es nicht anders aus. In den letzten 24h wurden 26 kurze Eindrücke festgehalten. 16 davon sind mit Werbung beschriftet. Ganze 13 für eine Gesichtspflegeserie, von der ich noch nie gehört habe, die stolz mit „viele wollten wissen wie meine abendliche Pflegeroutine aussieht“ angekündigt wird. Rabattcode inklusive. 3 weitere sind für Lidl Deutschland. Der Rest ist „Nudeln kochen“ und „Brettspiel spielen.“ Auch in den Kommentaren sind genervte Aussagen zu finden wie „du postest nur noch Werbung in den Stories.“ Na grandios.

Da kann man natürlich auch nicht so mir nichts dir nichts alles hinschmeißen. Die Marken wollen gesehen werden und die Zuschauer wollen ein spannendes Familienleben sehen. Da werden natürlich die Kinder brav in die Kamera gehalten. Womöglich mehr für die Marken, als für die Zuschauer. Isabeau hat sogar einen eigenen Shop, auf dem jedoch auch nur weitere, diverse Marken verkauft werden. Und Merch. Eventuell ja damit doch noch Kohle fließt, wenn sie alles hinschmeißen möchte.

Ich kann die Faszination hierfür noch immer nicht nachvollziehen. Es finden sich kaum wertvolle Tipps, keine Rezepte, keine DIY o.Ä. Rein der normale Alltag. Wieder und immer wieder.

Die Kids haben sicherlich nichts dagegen, entspannt aufzuwachsen, ohne dass es ihnen an etwas fehlt. Aber ist das schön, wenn die Mama jeden Tag durch einen kleinen schwarzen Kasten mit Personen redet, die nie auftauchen? Kann man in dem Alter schon verstehen, wie das Internet funktioniert? Ich weiß es nicht. Vermutlich werden wir die Konsequenzen, die daraus resultieren erst kennen, wenn es zu spät ist. Immerhin sind sie die erste Generation, die mit Eltern aufwächst, die YouTuber sind.